Zwischen Sein und Schein -
Das Bild des Menschen in der Photographie heute

Anne-Marie Bonnet
ˇ]C 4-Professor, Institute of Art History, University of Bonn, Germanyˇ^

Versucht man eine Bilanz zum Bild des Menschen in den bildenden Kuensten des ausgehenden 20. Jahrhunderts zu ziehen, kann man feststellen, dass zum einen die Grenzen zwischen Bild-Koerper und Koerper-Bild fliessend geworden sind und, dass zum anderen sich Auseinandersetzungen mit dem Bild des Menschen vorwiegend in photographischen Bildern oder in den sog. neuen elektronischen Medien ereignen. Bild des Menschen und Bild des Koerpers sind geradezu synonym geworden, der Mensch wird mit seinem Koerper geradezu gleichgesetzt. Waehrend in den 60er/70 Jahren der Koerper den KuenstlerInnen zum Medium einer Neudefinition ihrer Kunstauffassung und Selbstfindung avanzierte, wurde er in den 80er Jahren zum ?Schlachtfeld' (?My body is a battlefield', Barbara Kruger) zum Austragen von Gender- und Minderheiten-Forderungen. Im Zeitalter allgemeiner Aesthetisierung, der Simulation und der visuellen Bilderflut, als das Bild der Welt hinter den Bildern der Welt zunehmend mehr verschwand, man von ?pictorial turn' sprach, die Zeichen und Bilder ihrer Bedeutung veraenderten, in den 90er Jahren also, kann dann geradezu von einem ?body turn' ge-sprochen werden, denn die Bedeutung des Koerpers, seiner Nutzung und Darstellung in den bilden-den Kuensten unterlief erneut eine fundamentale Veraenderung. Wahrend das Menschen-Bild in die Krise geriet (s. post-human Debatte, nun Genom- Problematik) tritt zunehmend mehr der Koerper gleichsam als letzter Rueckzugsort fuer das Selbst, die Identitaet in den Vordergrund. Die Auseinandersetzungen finden vornehmlich in photographischen Bildern statt zu einem Zeitpunkt als die Photographie selbst bezueglich ihres Selbstverstaendnisses als Bildmedium in einer Identitaetskrise geriet. Mit der visuelle eberschwemmung, der Bilderflut geht bekanntlich eine Entwirklichung, eine Verfluechtigung der Wirklichkeit einher. Dies ist eine der Hauptursachen der allgegenwaertigen Identitaetskrisen (Was ist real? Was ist ein Mensch? Was ist eine Frau? Was ist ein Mann?).

Im Kontext der heutigen Beschwoerung von Leiblichkeit, die ich als verzweifelten Kampf gegen jene Entkoerperlichung verstehe, die aus der Allgegenwart unserer visuellen Kultur resultiert erscheint die heutige Photographie in ihrer Unschaerferelation zwischen Sein und Schein, zwischen real Existierendem und blos Gedachtem, zwischen Tatsachen und Sehnsuechten als adaequates Medium zur Auslotung von Identitaeskrisen. In den 80er und 90er Jahren fand eine mediale Selbstreflexion des photographischen Aktes statt, besonders hinsichtlich der Position zwischen Reproduktion und Produktion eines Bildes, die sich mit der Selbstbefragung des Menschen in seiner Leiblichkeit traf. Indem der Koerper sowohl Medium als auch Ziel, Subjekt wie auch Objekt wurde, konzeptuell und selbstreflexiv in den bildenden Kuensten immer erst konstituiert werden will, nicht mehr nur dokumentiert zu werden vermag, kann und muss von einem Paradigmawechsel (?body turn') gesprochen werden, der anhand von Werkbeispiel dargelegt und Versuchsweise in einen geistesgeschichtlichen Kontext eingebettet werden wird.