Jahrhunderts
zu ziehen, kann man feststellen, dass zum einen die Grenzen zwischen Bild-Koerper
und Koerper-Bild fliessend geworden sind und, dass zum anderen sich Auseinandersetzungen
mit dem Bild des Menschen vorwiegend in photographischen Bildern oder in den
sog. neuen elektronischen Medien ereignen. Bild des Menschen und Bild des Koerpers
sind geradezu synonym geworden, der Mensch wird mit seinem Koerper geradezu
gleichgesetzt. Waehrend in den 60er/70 Jahren der Koerper den KuenstlerInnen
zum Medium einer Neudefinition ihrer Kunstauffassung und Selbstfindung avanzierte,
wurde er in den 80er Jahren zum ?Schlachtfeld' (?My body is a battlefield',
Barbara Kruger) zum Austragen von Gender- und Minderheiten-Forderungen. Im Zeitalter
allgemeiner Aesthetisierung, der Simulation und der visuellen Bilderflut, als
das Bild der Welt hinter den Bildern der Welt zunehmend mehr verschwand, man
von ?pictorial turn' sprach, die Zeichen und Bilder ihrer Bedeutung veraenderten,
in den 90er Jahren also, kann dann geradezu von einem ?body turn' ge-sprochen
werden, denn die Bedeutung des Koerpers, seiner Nutzung und Darstellung in den
bilden-den Kuensten unterlief erneut eine fundamentale Veraenderung. Wahrend
das Menschen-Bild in die Krise geriet (s. post-human Debatte, nun Genom- Problematik)
tritt zunehmend mehr der Koerper gleichsam als letzter Rueckzugsort fuer das
Selbst, die Identitaet in den Vordergrund. Die Auseinandersetzungen finden vornehmlich
in photographischen Bildern statt zu einem Zeitpunkt als die Photographie selbst
bezueglich ihres Selbstverstaendnisses als Bildmedium in einer Identitaetskrise
geriet. Mit der visuelle eberschwemmung, der Bilderflut geht bekanntlich eine
Entwirklichung, eine Verfluechtigung der Wirklichkeit einher. Dies ist eine
der Hauptursachen der allgegenwaertigen Identitaetskrisen (Was ist real? Was
ist ein Mensch? Was ist eine Frau? Was ist ein Mann?).
Im Kontext der heutigen Beschwoerung von Leiblichkeit, die ich als verzweifelten
Kampf gegen jene Entkoerperlichung verstehe, die aus der Allgegenwart unserer
visuellen Kultur resultiert erscheint die heutige Photographie in ihrer Unschaerferelation
zwischen Sein und Schein, zwischen real Existierendem und blos Gedachtem,
zwischen Tatsachen und Sehnsuechten als adaequates Medium zur Auslotung von
Identitaeskrisen. In den 80er und 90er Jahren fand eine mediale Selbstreflexion
des photographischen Aktes statt, besonders hinsichtlich der Position zwischen
Reproduktion und Produktion eines Bildes, die sich mit der Selbstbefragung
des Menschen in seiner Leiblichkeit traf. Indem der Koerper sowohl Medium
als auch Ziel, Subjekt wie auch Objekt wurde, konzeptuell und selbstreflexiv
in den bildenden Kuensten immer erst konstituiert werden will, nicht mehr
nur dokumentiert zu werden vermag, kann und muss von einem Paradigmawechsel
(?body turn') gesprochen werden, der anhand von Werkbeispiel dargelegt und
Versuchsweise in einen geistesgeschichtlichen Kontext eingebettet werden wird.